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Das harte Brot der Selbsterkenntnis


Warum ist es manchmal so schwer und schmerzhaft, sich die eigenen Fehler einzugestehen oder von jemand anderem Wahrheiten zu hören, die einem scheinbar bis ins Mark treffen? Von Zeit zu Zeit hat man persönliche Erlebnisse, die einem zu dieser Frage führen. Es hat wohl damit zu tun, dass das Anerkennen der realen Existenz unserer Schwächen, unserer charakterlichen Fehler und der blinden Flecke in unserem Mentalblock die von uns selbst aufgebauten Illusionen resp. das eigens zusammengeschusterte falsche Selbstbild - zumindest teilweise - zertrümmert, und das tut unserem Ego und unserer Psyche weh! Die Illusionen, die wir uns über uns selbst erschaffen, sind wie Glaubensinhalte oder wie eine Droge, die uns an ein Bild glauben lässt, das wir uns wünschen, das aber nicht mit der Wirklichkeit konform ist. Im Grunde genommen sollten wir aber dankbar dafür sein, wenn uns von Zeit zu Zeit ein heilsamer, weil wachrüttelnder verbaler, schriftlicher oder gedanklicher Vorschlaghammer trifft, der uns bezüglich unserer selbstbezogenen Glaubensvorstellungen in die Realität zurückschleudert resp. auf den Boden der Tatsachen zwingt. Warum das? Warum sollten wir für diese Art von Schmerz auch noch dankbar sein?, werden Sie sich jetzt vielleicht fragen. Antwort: Weil wir dadurch auf dem Weg zum wahren Menschsein nur gewinnen können, wenn wir uns zu solchen <Hallo wach!-Erlebnissen> richtig einstellen und sie trotz aller damit einhergehenden inneren Schmerzen als das erkennen, was sie sind: Es sind Chancen zur persönlichen Entwicklung, also zur Evolution des inneren Selbst. Die Identifikation mit den selbsterschaffenen Illusionen resp. Selbstlügen (Beispiele: „Ich habe keine Charakterschwächen", „in mir gibt es keine Aggressionen und keine ausgearteten Emotionen", „ich bin stets beherrscht und habe mich voll unter Kontrolle" usw.) ist nämlich ein Irrweg und gleichzeitig offenbar ein notwendiges Übel auf dem Weg der menschlichen Entwicklung, mit dem wir uns aufrichtig und offen beschäftigen müssen, wenn wir auf unserem individuellen Weg vorankommen wollen. Wir identifizieren uns diesbezüglich mit Trugbildern, die nicht real und damit nicht schöpfungsgesetzkonform sind, und begeben uns auf einen Holzweg, der uns vom wahren inneren Selbst wegführt. Unsere Gedanken, Gefühle, Wünsche und Emotionen hängen am selbsterschaffenen, trügerischen Ego, einer Fata Morgana, die unseren Blick auf das wahrliche innere Selbst, das schöpfungskonform ausgerichtet ist, versperrt. Und weil wir in diesen Glauben verliebt sind, der uns in ein trügerisches Gefühl der Selbstzufriedenheit einlullt, unser Unterbewusstsein aber genau weiss, das es eine Seifenblase unseres Ego ist, darum tut es eben weh, wenn man erkennt und sich eingesteht, dass man in Wirklichkeit im Inneren nicht mit dem übereinstimmt, woran man bisher krampfhaft geglaubt und selbstbetrügerisch festgehalten hat.   
Und wie finden wir nun zu unserem <wahren inneren Selbst> zurück bzw. wie finden wir überhaupt zu uns selbst? Was sagt die Geisteslehre dazu? Genau - Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zum Erfolg! Wir müssen ehrlich zu uns selbst sein und die Karten offen vor uns auf den Tisch legen. Wir müssen eine illusionslose Analyse des eigenen Charakters angehen und unsere Stärken und Schwächen offenlegen, zum Beispiel indem wir ein Blatt Papier zur Hand nehmen und diese aufschreiben - eine Spalte mit <Stärken> und eine Spalte mit <Schwächen> resp. <positiv> und <negativ> oder wie auch immer wir wollen. Wenn wir in uns hineinhorchen, die Intuition sprechen lassen und alle Überlistungsversuche des Egos beiseite schieben, dann werden wir ganz schnell eine lange Liste von Positiv und Negativ beisammen haben. Aber Vorsicht! Es geht dabei nicht darum, sich aufgrund <negativer> Eigenschaften, Charakterzüge, Neigungen und Veranlagungen selbst zu verurteilen oder sogar zu zerfleischen, sondern es geht um eine nüchterne und neutrale Analyse des Charakters und aller positiven sowie negativen Punkte, wobei man seinen Charakter einfach wie von aussen sehen, betrachten und beschreiben sollte. Es geht nicht um Schuldzuweisungen und Selbstkasteiung, sondern um Selbstfindung, an deren Beginn die Erkennung der Wirklichkeit steht, und zwar die Wirklichkeit und das Erkennen des eigenen Ichs.
Ein Beispiel: Ein Mensch kennt <die Wahrheit> und sorgt sich um die zunehmende Überbevölkerung auf unserem Planeten. Er fürchtet sich vor den Folgen des Klimawandels, die auch ihn selbst treffen werden und möchte nun <die Welt retten>. Er schreibt Kolumnen, Leserbriefe und Artikel, wohlwissend, dass diese bei 99,9 % aller Verantwortlichen auf taube Ohren stossen werden. Schliesslich ist er frustriert, dass sein Tun offenbar nichts Erkennbares bewirkt hat, und er wird unzufrieden, schlecht gelaunt und mürrisch. Letztendlich schwächt er durch seine enttäuschten Vorstellungen und die daraus folgende psychische Depression sein Immunsystem, fängt einen Virus ein und wird krank. Dann erst denkt er darüber nach, warum das so ist und findet die Antwort nach einigem Suchen und Forschen (auch in Form von Meditieren und Träumen) in sich selbst - wo auch sonst? Er besinnt sich der Wahrheit und gesteht sich ein, dass er der Welt nicht seinen zwanghaften und damit unlogisch wirkenden Willen aufzwingen kann, sondern dass er die Welt nur auf dem einen Wege ändern kann, den auch die Geisteslehre eindeutig ausspricht: Nur wer SICH SELBST ändert, kann auch die Welt verändern. Es ist immer der Weg über das eigene Ich resp. Selbst und die daraus resultierende positive Vorbildfunktion, durch die man die Welt tatsächlich und nachhaltig verändern kann. Es gibt keinen anderen Weg! Der Mensch lernt, dass ihm seine eigene Ungeduld, seine Anmassung, seine Angst vor der Zukunft und sein Mangel an Gelassenheit (Stichwort "Stets bleibe ich entspannt und gewinne dadurch Macht über mich selbst." ) im Wege standen. Sind diese Kräfte aber nichts anderes als Untugenden resp. das negative Spiegelbild der Tugenden, die er durch seine fehlgeleitete Motivation vernachlässigt hat und deren andauernde Pflege er im Denken und in den daraus hervorgehenden Gefühlen schleifen liess? Das ist es! Es dämmert ihm jetzt, dass die Entwicklung des wahren Menschen in ihm der Weg zu den schöpferischen Tugenden ist; allen voran die Geduld, begleitet von der Gelassenheit, der Bescheidenheit und einer grundoptimistischen Lebenseinstellung, die in der Erkenntnis fusst, dass das Leben im Hier und Jetzt stattfindet und die aktuelle Kraft der Gedanken und des Bewusstseins nicht durch sinnlose Ängste, Hoffnungen und Erwartungen aufgezehrt werden darf, die dazu führen, dass man im Endeffekt am Leben vorbeilebt. Jede Sekunde des Lebens ist neu und hat im Prinzip nichts mehr mit der letzten Sekunde zu tun. Nur das Denken hält noch am Vergangenen fest und will nicht loslassen. Es projiziert auch etwas in die Zukunft und baut mitunter wahnhafte Erwartungen auf, die unerfüllbar sind, weil es Erwartungen sind, auf die der einzelne Mensch keinen unmittelbaren Einfluss hat. Damit kommt er letztendlich von sich selbst ab und verliert die Macht über sich selbst. Der Kreis schliesst sich erst dann, wenn er an den Punkt zurückkommt, wo immer alles beginnt: Im Suchen und Finden des eigenen schöpferischen inneren Selbst. Das lernen wir daraus: Das wahre, schöpfungskonforme innere Selbst kann nur auf dem WEG DER TUGENDEN gefunden resp. vom Schutt der irrealen Gedankenprojektionen, Glaubensvorstellungen, Ängste und falschen Erwartungen befreit werden, um ans Tageslicht des Bewusstseins zu dringen und um nach und nach zum wahren Wesen des Menschen zu werden. Die Ungeduld hingegen kann zu einem mächtigen Strom werden, der den Menschen mit sich fortreisst, bis er schliesslich sogar in Gefahr geraten kann, seine Ungeduld soweit zu steigern, dass sie ihn in den Sog des Fanatismus reisst und er die ganze Welt zu verachten beginnt, weil sie nicht so ist, wie er sich das in seinem eng gewordenen Erwartungshshorizont ausmalt und zurechtphantasiert.


Fazit: Wer zu viel auf einmal will, läuft Gefahr, sich selbst zu zerstören und seiner Psyche zu schaden. Niemand kann perfekt sein, und niemand sollte von der Welt verlangen, dass sie nach seinen Vorstellungen funktionieren habe. Daher ist es wichtig, sich selbst sein bester Freund zu sein und nichts Unmögliches oder Verschrobenes von sich zu verlangen, ebenso nicht von den Mitmenschen. Loslassen ist eine Kunst, die man täglich neu lernen muss, aber sie verlängert das Leben. Man sollte von Zeit zu Zeit den inneren Fokus auf das Wirkliche und Wesentliche neu ausrichten und darüber reflektieren, ob die Richtung, in die man steuert (privat, beruflich usw.) noch die richtige ist, und ob die selbst gesteckten Ziele noch realistisch und zielführend sind. Das heisst nicht, dass man alles und jedes anzweifeln muss, dass man aber ab und zu sein eigenes Denken, Fühlen und Tun aufrichtig hinterfragen und die Karten vor sich selbst auf den Tisch legen sollte. Leicht gesagt, aber schwer getan; und manchmal braucht es erst ein Warnsignal, bevor einem ein Licht aufgeht. Wer weiss -vielleicht sind auch manchmal ein Gutteil versteckter Grössenwahn, Selbstüberschätzung und andere negative oder unerledigte Dinge die Ursache eines Missstandes und einer persönlichen Krise. Es ist in solchen Situationen grundsätzlich gut und hilfreich, in sich zu gehen und die Probleme im eigenen Haus (Bewusstsein/Psyche) zu erkennen und deren Lösung anzugehen, bevor man daran gehen will, die Welt zu ändern. Denn, wie sollen die anderen Häuser (Mitmenschen) in Ruhe und Frieden leben können, wenn das eigenes Haus brennt?! Es ist klüger nachzudenken, sich selbst zu erkennen und sich zu ändern, anstatt übereilt und konzeptlos zu handeln, denn Selbstkritik zu üben, seine Fehler zu erkennen und sie auszumerzen ist keine leichte Sache, sondern oft eine schwere Geburt. Im Grunde genommen ist es aber doch die ureigene wertvolle Arbeit an der persönlichen Evolution, durch die man die Welt am besten ändern und verbessern kann. Zu diesem schöpferisch-kreativen Selbstfindungszweck sollte man sich stets einen Teil seiner Energie reservieren und ihn zum eigenen Wohl und zum Wohle des Ganzen positiv-neutral nutzen, weil man damit sich selbst, der Welt  und der Schöpfung am besten helfen kann.


(Veröffentlicht in "Stimme der Wassermannzeit" Nr. 164 vom September 2012)