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Grusslos oder freundlich?
Als ich 1986 aus meinem Heimatdorf in die Stadt zog, war ich es bis anhin gewohnt, dass die Menschen sich grüssten, wenn sie sich auf der Strasse begegneten. Das war für mich aufgrund meiner Erziehung und der dortigen Gepflogenheiten ein ungeschriebenes Gesetz. Es irritierte mich daher – und tut es bis heute noch –, dass das in der Stadt plötzlich nicht mehr galt und es die Menschen dort allem Anschein nach vermeiden, sich in die Augen zu schauen, um dem Gegenüber nicht ein freundliches ‹Guten Tag› oder ‹Hallo› etc. entgegenbringen zu müssen. Stattdessen ist es in der Stadt eben üblich, die an einem vorbeigehenden Passanten einfach zu ignorieren, als ob sie Luft seien, oder sogar krampfhaft auf den Boden zu schauen, um einem Mitmenschen ja nicht ins Gesicht sehen zu müssen. Irgendwie kann ich mich damit einfach nicht abfinden und finde es schlicht unfreundlich und irgendwie sogar verachtend, dass nicht einmal so viel Aufmerksamkeit und Respekt aufgebracht wird, einen anderen Menschen zu grüssen, womit ihm resp. ihr quasi vermittelt wird, als Mensch an sich nicht beachtens- und bemerkenswert zu sein. Natürlich geht so mancher Mensch in Gedanken versunken auf seinem Weg dahin und achtet nicht auf seine Umgebung. Auch kann man nicht in einer belebten Fussgängerzone jeden Menschen einzeln begrüssen usw. Das Vorgesagte gilt daher insbesondere für die ‹1:1-Begegnungen›, bei denen sich zwei Menschen frei über den Weg laufen, wobei die Situation und die Zeit dazu geeignet ist, einander zu grüssen.
Geisteslehresymbol MISSACHTUNG 
Ist es nicht ein Zeichen der Verbundenheit und des Respekts und zeugt es nicht vom Wissen um den Wert jedes einzelnen Menschen, wenn man einen Mitmenschen ehrfürchtig grüsst? Ist es nicht schön und für beide Menschen psycheerhebend, wenn man sich einfach nur zulächelt oder einander vielleicht auch nur freundlich und respektvoll mit dem Kopf zunickt? Zeugt es gegenteilig nicht von einer mangelhaften Erziehung und einer gewissen Missachtung, einen anderen Menschen einfach zu ignorieren, der den eigenen Weg kreuzt? Vielleicht kann sich durch ein bisschen Mut und ein freundliches Wort ganz leicht ein unerwartet wertvolles Gespräch entwickeln, das zwei Menschen eine nicht vermutete Gemeinsamkeit aufzeigt, woraus möglicherweise eine neue Bekanntschaft oder sogar eine neue Freundschaft heranwächst. Darüber sollte sich jede Frau, jeder Mann und jedes Kind, die sich um wahre Menschlichkeit bemühen, einmal Gedanken machen.

Man sollte sich auf die negative Gepflogenheit des Nicht-Grüssens eigens nicht einlassen und stattdessen selbst mit gutem Beispiel vorangehen, wenn es die Umstände zulassen. Der Mensch sollte im Rahmen seiner Möglichkeiten und seiner Veranlagung auf die anderen Menschen zugehen und sie grüssen, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet. Oft wird schon dadurch das Eis gebrochen und jemand, der einem bis dahin verschlossen, eigenbrötlerisch und irgendwie seltsam erschien, verwandelt sich vielleicht in einen freundlichen und aufgeschlossenen Menschen, mit dem man unversehens über dies und jenes ins Gespräch findet – welch ein kleines Wunder der Menschlichkeit! Oft bedarf es nur ein klein wenig Eigeninitiative, und es kann sich aus einem kleinen Lächeln und einem guten Wort eine neue Verbundenheit entwickeln, die das Leben von zwei oder mehr Menschen ungemein bereichert.
Geisteslehresymbol VERBINDUNG